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Wo soll mein Hund denn laufen - links, rechts, vor oder hinter mir?

  • von Brigitte Zwengel
  • 11 Mai, 2019

Wo läuft er denn nun, mein Hund?

Wo läuft er denn nun, mein Hund?


Ich werde immer wieder gefragt, wo der Hund denn nun laufen soll - hinter mir, neben mir oder gar vor mir?

Da unterscheide ich vorab erstmal Freizeitmodus oder Arbeitsmodus. Im folgenden geht es um den Freizeitmodus, also die täglichen Spaziergänge mit meinem Hund.

Gerade wenn man einen Hund an der Leine hat, der bei Hundebegegnungen/-sichtungen außer Rand und Band ist, dann sollte der Hund doch besser hinter mir oder neben mir laufen, damit ich alles für ihn regeln kann und auch besser auf meinen Hund einwirken kann.


Aber muss ich das wirklich, also direkt auf meinen Hund einwirken?

Da wird schon im Vorfeld, bevor uns der Hund überhaupt irgendwelche Signale gezeigt hat, die Leine kürzer genommen und so dem Hund mitgeteilt, dass da jetzt wohl was für ihn Blödes kommen wird. Der Hund lernt immer, ob wir das wollen oder nicht…

Ist es nicht so, dass man unter Freunden - der Hund ist ja bekanntlich der beste Freund des Menschen - sich hilft und unterstützt, emotionale Sicherheit bekommt, aber nicht ständig nur behütet und einem jedwede Entscheidung abgenommen wird? Ich persönlich möchte nicht, dass mir meine beste Freundin ständig alles vorgibt und die Entscheidungen für mich trifft, auch wenn es vermeintlich gut gemeint ist. Ich möchte selber in der Lage sein, gute Entscheidungen für mich zu treffen und einen Weg für mich finden, mit verschiedenen Situationen zurecht zu kommen.

Oftmals wird gesagt: „Du musst ihn kurz nehmen“ oder „Er muss neben oder hinter Dir laufen“, „Nur so hast du ihn im Griff“.

Das Problem dabei ist aber, wenn man immer nur die Symptome bekämpft, aber nicht nach der Ursache schaut, wird sich dauerhaft nicht viel verändern. Zum Schluss heißt es dann nur, Hundeschule XY hat mir nichts gebracht und man geht zur nächsten und wendet alle möglichen Methoden an, die den Hund nur noch mehr verwirren und die doch eigentlich innige Beziehung zu meinem Hund leidet immer mehr darunter.

Die Fragen, die sich mir dabei stellen, sind: muss ich wirklich ständig auf meinen Hund einwirken können und wie geht es meinem Hund dabei? Und was lernt mein Hund dabei? Warum zeigt der Hund überhaupt das unerwünschte Verhalten in dieser Situation? Unterstütze ich mit meinem Verhalten wirklich meinem Hund?


Wenn ich ständig damit beschäftigt bin, meinen Hund zu blocken, damit er hinter mir bleibt, dann ist das auf Dauer ziemlich anstrengend, sowohl für den Menschen als auch erstrecht für den Hund. Zumal der Hund gar nicht mitbekommt, was eigentlich auf ihn zukommt, weil er ständig hinter dem Menschen laufen soll. So kann er für sich keine Strategie finden, mit dem, was für ihn gruselig ist, umzugehen und sich eben darauf vorzubereiten. Es sei denn, ich habe es als Alternativverhalten so gut trainiert, dass ich meinem Hund damit helfe, durch für ihn unangenehme Situationen zu kommen. Auch Fußlaufen kann ein tolles Alternativverhalten sein, sofern es positiv trainiert worden ist.

Wenn das gruselige Objekt dann irgendwann direkt neben ihm oder gerade an ihm vorbei ist,wird er damit völlig überrascht und ist dann vielleicht total überfordert. Reagiert der Hund dann über, da er keine Bewältigungsstrategie gelernt hat, kommt meistens vom Menschen obendrein noch was Schlechtes dazu, z.B. ein Leinenruck, damit der Hund wieder „in der Spur“ ist oder er wird geschimpft etc. Das bedeutet für Deinen Hund, dass in diesem Moment, in dem es ihm eh schon schlecht geht, noch was Unangenehmes von seinem Menschen hinzukommt.

Und so macht der Hund jedes Mal in dieser Situation die Erfahrung, dass sein Mensch ihm in dieser Situation nicht hilft und somit wird das Verhalten des Hundes von Mal zu Mal schlimmer.

Zudem beobachte ich immer wieder Menschen, bei denen der Hund so auf seinen Menschen fixiert ist oder in brenzligen Situationen immer abgelenkt wird, so dass der Hund die Umwelt eigentlich gar nicht wahrnimmt. Auch dabei lernt der Hund nicht, wie er dann mit diesen Situationen umgehen soll.


Fakt ist, dass die Hunde, die an der Leine so extrem reagieren, einen Grund dafür haben, sie machen das nicht zum Spaß!

Sie haben bisher gelernt, dass egal, welche körpersprachlichen Signale sie uns vorher senden, dass diese von ihrem Menschen nicht erkannt werden und er ihnen in der Situation mit seinem Verhalten nicht hilft oder die Situation auch noch verschlimmert. Und somit sucht sich der Hund dann selbst ein Verhalten, was ihn erst gar nicht in diese Situation bringt oder ihn da schnell wieder rausbringt.

Der Hund hat nie gelernt, mit diesen Situationen umzugehen, seine Ängsten und Emotionen sind ständig präsent und er wird ständig wieder in solche für ihn unangenehme Situationen geführt. Wie soll der Hund da seinem Menschen voll und ganz vertrauen können.

 Ein anderes Argument, dass der Hund hinter oder neben mir laufen soll, war jenes, damit der Hund nicht ständig vorne in der Leine hängt und „abcheckt“, was da so alles kommt. Dafür gibt es aber viele Gründe. Zum einen wäre zu hinterfragen, ob die Leinenführigkeit positiv trainiert wurde, so dass der Hund gerne bei mir läuft oder ob er jenes nur tut, weil er Angst vor den Konsequenzen hat, wenn er dieses eben nicht tut.

Einem Hund, der nur neben mir läuft, weil er z.B. Angst vor einem Leinenruck hat, geht es mit Sicherheit nicht unbedingt gut neben mir. Zum anderen benötigen viele Hunde - wie wir Menschen auch - eine gewisse Individualdistanz, die bei manchen Hunden schon mal zwei oder auch drei Meter betragen kann. Ich persönlich möchte auch nicht, dass mein Freund ständig direkt neben mir läuft oder wie eine Klette an mir hängt. Wenn ich keinen Freiraum bekomme, würde ich mir den dann auch suchen wollen.

Insofern sollte man sich überlegen, ob die Leinenlänge, die ich gewählt habe, meinem Hund ausreicht, seine Individualdistanz zu wahren. Wenn nicht, wird er immer in der Leine hängen, weil er seinen Abstand haben möchte, damit er sich wohl fühlt. Viele Hunde gehen mit einem Meter mehr Leine auf einmal völlig entspannt vorneweg oder sogar neben ihrem Menschen. Auch ist ein Hund mit langer Leine in der Lage, hündisches Verhalten zu zeigen, d.h., er kann die Seite wechseln oder einen Bogen laufen, wenn es ihm zu eng wird oder er kann freiwillig hinter seinen Menschen gehen. Er kann stehen bleiben, ohne dass er gleich in der Leine hängt, weil sein Mensch einfach weiterläuft.

 

Wenn die Leinenführigkeit positiv trainiert worden ist, der Hund die benötigte Individualdistanz bekommt und dennoch ständig in der Leine hängt, dann kann es durchaus sein, dass er ständig auf einem zu hohen Erregungsniveau unterwegs ist. Da ist dann auch zu schauen, ob sich der Hund generell gut entspannen kann oder warum der Hund so aufgeregt ist. Ein grundsätzlich entspannter Hund wird nicht so stark auf Auslöser reagieren wie ein Hund, der ständig unter Strom steht. Das kennen wir aus Menschensicht ja auch. Wenn wir mit unserem Hund rausgehen und der Hund ist ängstlich/unsicher, dann wird er immer wissen wollen, was da kommt, weil er ja ständig Angst vor etwas hat und auch nicht weiß, wie er reagieren kann bzw. soll.

 

Macht es bei solchen Ängsten/Emotionen für den Hund einen Unterschied, wo er nun läuft? Die Emotionen sind ja vorhanden. Auch wenn er zu jedem Hund hinzieht, will er denn wirklich auch dorthin? Oder guckt er bei jedem Hund, ob es eine Gefahr für Ihn darstellt und ist dann jedes Mal erleichtert, wenn er da war und geht dann „entspannt“ weiter.? Aber das heißt auf der anderen Seite ja auch, dass der Hund jedes Mal total aufgeregt ist, bis er beim anderen Hund ist und es „für sich“ geklärt hat und das geht den ganzen Spaziergang so weiter. Er ist dauerhaft angespannt - gut und gesund ist das für den Hund jedoch nicht.

 

Und genau hier muss das Training ansetzen.

 

Ich möchte ein Beispiel aus unserem „Menschenleben“ einbringen. Wenn wir ein Kind haben, welches vor großen Männern mit tiefer Stimme Angst hat, bringt es ihm nichts, wenn wir es hinter oder neben uns laufen lassen, es ständig schützen wollen und auf das Kind einreden, dass es keine Angst haben braucht. Wenn man nicht an den Ängsten arbeitet, wird es immer Angst haben. Es ändert nichts an den Emotionen/ Ängsten, das Kind erlebt immer wieder diese Angst. Das Kind wird immer unsicherer, kann sich irgendwann nur noch schwer konzentrieren, große Männer mit tiefer Stimme können ja überall und auch plötzlich auftauchen. Dann werden die Noten schlechter und, und, und…


Angst zieht bekanntlich Kreise.

So oder so ähnlich ergeht es unserem Hund jedes Mal, wenn wir da rausgehen. Ich kenne dieses Phänomen aus eigener Erfahrung, ich habe zwei Hunde aus dem Tierschutz, von denen einer, immer wenn eine Situation neu ist, wieder in das alte Verhalten zurückfallen würde, wenn ich nicht schon vorher seine körpersprachlichen Signale sehen und dementsprechend reagieren würde. Und dabei ist es völlig egal, wo mein Hund gerade läuft.

Wenn ich seine körpersprachlichen Signale erkenne, kann ich ihm mit einem positiv trainierten Alternativverhalten, welches auch noch ausreichend belohnt wird oder anderen gut trainierten Signalen in genau dieser Situation helfen. Dafür muss er nicht in meiner unmittelbaren Reichweite sein, ich kann ihm aber dennoch helfen und er kann sich voll und ganz auf mich verlassen. Ich muss dazu nicht körperlich auf ihn einwirken.

Positiv trainierte Abbruchsignale wie z.B. der Geschirrgriff sind Notfallsignale, die richtig gut trainiert auch an der langen Leine und im Freilauf funktionieren. Mein Signal „Geschirr“ für den Geschirrgriff heißt für meinen Hund, wenn er nicht in meiner Nähe ist, bleibt er jetzt stehen und macht keinen weiteren Schritt mehr. Sind wir unverhofft in eine blöde Situation geraten, aus der ich meinen Hund möglichst schnell raushaben möchte, bedeutet „Geschirr“ für meinen Hund: “ich werde jetzt von meinem Menschen angefasst und er bringt mich jetzt hier raus“.

Wenn ich also möchte, dass mein Hund draußen entspannt seine Umwelt wahrnehmen kann, dann ist es egal, wo mein Hund läuft, Hauptsache, er fühlt sich dabei wohl. Und dabei kann er gerne auch vor mir laufen und alles beobachten, was auf ihn zu kommt und um ihn herum geschieht. Mir ist wichtig, dass er an lockerer Leine läuft (das müssen Hunde lernen, das können sie nicht von natur aus), mich also nicht durch die Gegend zieht. Er darf in seinem Leinenradius Erkundungsverhalten zeigen, nach Herzenslust schnüffeln, schauen etc. Genau dafür ist der Spaziergang ja da - für ihn und nicht um meine eigenen Bedürfnisse zu decken, wobei man vieles sehr gut kombinieren kann, so dass es beiden Spaß macht.

Allerdings muss ich an der Emotionslage meines Hundes arbeiten, damit das Objekt, welches bei ihm Angst oder Unsicherheit auslöst, immer weniger Emotionen auslöst und zwar angefangen bei

„Herzrasen, ein gruseliger Hund auf 50 m, ich flipp mal aus“ über

„ Herzrasen, ein Hund auf 50m, uff, kann ich grad so ertragen“ über

„Ein Hund auf 50 m, naja, es kommt ja was Gutes von meinem Menschen hinzu, ich kann noch ruhig bleiben“ bis hin zu

„Ein Hund auf 50 Meter, na gut, vielleicht tun es auch 49 m, mal schauen, ich schau es mir mal an“...usw.

Und dafür braucht es viel Zeit, Geduld und viele gute Trainingssituationen. Das geht leider nicht von heute auf morgen. Auch ich kann nicht jeden leiden - muss ich aber auch nicht. Zum einen kann ich mir meinen Umgang selbst aussuchen und zum anderen kann ich lernen, einen für mich entspannten Umgang zu finden, mit dem ich gut leben kann.


Wichtig zu erwähnen wäre auch- und das gilt für jedes Problem mit den Hund, dass man sich von der Perfektion freimachen muss. Es wird immer mal Hundebegegnungen geben, wo der eine Hund den anderen blöd findet- wie bei uns Menschen auch.

 

Und nur dann, wenn auch an den Emotionen gearbeitet wird, wird es für deinen Hund draußen immer erträglicher und durch gut trainierte Signale werden eure Spaziergänge für Dich und Deinen Hund sehr viel entspannter. Und dabei ist es ganz egal, wo mein Hund läuft. Hauptsache, es geht ihm gut dabei!

Ich wünsche Euch ganz viel Verständnis für Euren Hund, viel Spaß und vor allem Geduld beim Training!


Ich bin Brigitte Zwengel und ich lebe mit meinem Mann und unseren Tieren in Alheim. Ich habe ursprünglich BWL studiert und war in verschiedenen Führungspositionen tätig. Meine Leidenschaft jedoch ist das Training mit Tieren. Aus diesem Grund und auch, um meinen eigenen Hund besser zu verstehen, habe ich die Hundetrainerausbildung absolviert.
Meine Schwerpunkte im Hundetraining sind das Einzeltraining & die Verhaltenstherapie bei unerwünschtem Verhalten, das Welpen- & Junghundetraining sowie das Training an Begegnungsproblematiken (Mensch, Hund, Fahrräder, Autos...).
Seit über 5 Jahren begleite ich ganz unterschiedliche Mensch-Hund-Teams im Training.

Sinnvolle Beschäftigungen & deren Beschreibungen findest Du hier:

Hundebeschäftigung (fairbindung-mensch-hund.de)

Bist du nicht in unserer Nähe, gibt es auch online gute Beschäftigungsmöglichkeiten, die du zeitlich & räumlich unabhängig mit deinem Hund machen kannst :-)

Online Training (fairbindung-mensch-hund.de)

Sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten für zuhause findest Du hier:

Lebenslust statt Lebensfrust - Beschäftigungen im Hundetraining (fairbindung-mensch-hund.de)

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Wenn Du Fragen zu Beschäftigungen hast oder nicht recht weißt, was das Richtige für euch sein könnte, schreibe mir gerne eine Email an:
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von Tina Bunkofer 15 Juli, 2022
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von Tina Bunkofer & Brigitte Zwengel 10 Apr., 2022

Die  Welpenzeit mit deinem Hund  verlief typisch?!

Nachdem dein Hund gelernt hat sich draußen zu lösen, die Nächte durchzuschlafen, nicht alles anzukauen oder in alles reinzubeißen, funktioniert das gemeinsame Leben ganz gut. Die Grundsteine für eine gute Sozialisierung und einer guten Mensch-Hunde - Beziehung habt ihr in eurem Alltag gelegt. Im besten Fall lässt euer Hund bereits alle vier Pfoten auf dem Boden, wenn ihr Besuch bekommt und ohne große Ablenkung läuft er bereits gut an lockerer Leine. Den ein oder anderen kleinen Trick oder Signal beherrscht dein Hund auch schon.

Immer wieder ist das der Punkt, an dem einige Welpenbesitzer nach der Welpenkurs mit dem Training aufhören und den Gedanken haben, dass ihr Hund nun ,,erwachsen“ und/oder ,,erzogen“ ist. Leider muss ich euch sagen, dass das nur der Anfang der Hundeausbildung ist – verglichen mit der Grundschule bei Kindern. Auch Kinder können nach der Grundschule noch nicht richtig gut lesen, stillsitzen beim Essen, einen Aufsatz schreiben, sich im Straßenverkehr zurechtfinden geschweige denn den Führerschein machen. Auch Kinder lernen im Kindergarten bzw. in der Grundschule sich im Leben zurecht- und ihren Platz zu finden, soziele Kontakte zu knüpfen und sich mit Lautäußerungen zu artikulieren.

Du hast in der Welpenzeit den besten Grundstein für ein gemeinsames Leben gelegt und gerade erst begonnen, deinem Hund die Welt zu zeigen. Damit dein Hund dich aber zukünftig überall hin begleiten kann, solltest du auf jeden Fall am Training dran bleiben – in einer Junghundegruppe oder im Alltagstraining weitertrainieren, oder aber auch im Einzeltraining. Gerade nach dem Zahnen (ca. ab dem 5. Monat) beginnt für deinen Hund die Junghundezeit. In dieser Zeit verändert sich psychisch bei deinem jungen Hunden hormonell, körperlich und sehr viel. Dazu gehört auch die anstrengende Zeit der ,,Pupertät“. Erwachsen sind dein Hund erst je nach Rasse zwischen dem 24. und 36. Monat. In dieser elementaren Zeit bilden sich das Sexualverhalten, das Sozialverhalten, das Jagdverhalten, Entspannungsverhalten, die Impulskontrolle, das Ausdrucksverhalten, das Angstverhalten, das Ressourcenverhalten, das Meideverhalten und noch vieles mehr erst richtig aus.

Hunde sind in der Pubertät deutlich schwerer einzuschätzen, sie wirken nervös, fahrig und sind auch schlechter kontrollierbar. Sie sind empfindlicher, was Reize anbetrifft, reagieren schneller und/oder auch heftiger. Man meint, sie haben alles vergessen, was sie im Welpenalter gelernt haben.

Dein Hund ist durch die ganzen Veränderungen im Körper in der Regel angespannt, gestresst und kann viele Emotionen gar nicht mehr verstehen. Plötzlich riecht das andere Geschlecht interessant und Sexualtriebe entstehen. Neben der körperlichen Faktoren setzten wir Menschen den Hund immer mehr Reizen und Konfliktsituationen aus. Dein Hund muss plötzlich länger alleine bleiben und unsere menschliche Erwartungshaltung ist viel höher als bei dem kleinen Welpen. Immer wenn ich mir dies bewusst mache, fällt mir auf, vor wie viele Herausforderungen wir unsere Hunde eigentlich täglich stellen und häufig erst im Nachhinein darüber nachdenken, warum der Hund gerade so reagiert hat.

Jeder Hundehalter kennt dann diese Zeit, wo wir plötzlich im Training einige Schritte rückwärtsgehen müssen, da der Hund das bereits erlernte nicht mehr abrufen kann. Wir versuchen dann mit allen möglichen Tricks das erwünschte Verhalten abzurufen und haben keine Chance. Die Hunde machen das nicht mit Absicht, was ihnen so oft unterstellt wird. Auch testen sie nicht ihre Grenzen –sie können einfach gerade schlichtweg nicht.

Die gedankliche Steuerungsfähigkeit vorübergehend eingeschränkt!

Wie sagt meine Kollegin so gerne: „Jetzt haben die jungen Hunde nur noch Stroh im Kopf“. Was oft als „Grenzen testen „ bezeichnet wird, hat einen neurobiologischen Hintergrund. Die Synapsen, die Schaltstellen zwischen den Nervenzellen, werden in der Adoleszenten Phase abgebaut, das Hirn wird neu strukturiert – „der Stecker ist nicht nicht drin“!

Im Junghundealter soll dein Hund eine gute Leinenführigkeit, einen sicheren Rückruf, entspannte Begegnungen mit Artgenossen, Entspannungsrituale und alltagsrelevante Signale lernen und festigen. Du solltest lernen, deinen Hund und sein Verhalten körpersprachlich zu lesen und Hilfestellungen in Problem- oder Konfliktsituationen zu geben. Zudem sollten die Belastungen des Alltags, weitere Umgebungen und die begonnende Sozialisierung aus der Welpenzeit weitergeführt werden. Egal wie alt dein Hund ist, du solltest deinem Hund immer die Hilfen geben, die er benötigt.

Wenn dein Hund noch nie gelernt hat, einen Gegenstand zu dir  zu bringen, kannst du auch nicht erwarten, dass er es automatisch von alleine kann. Jede Rasse bringt eigene Fähigkeiten mit und manche Hunde bieten von alleine bestimmte Verhaltensweisen an, trotzdem müsst ihr das Signal für dieses Verhalten dem Hund beibringen. Du kannst nicht erwarten, dass dein Hund, weil er jetzt 6 Monate alt ist, bereits deine Signale kennt und in jeder Umgebung abrufen kann. Ca. 3000 Wiederholungen werden für ein Wortsignal in sämtlichen verschiedenen Varianten, Möglichkeiten, sowie Umweltfaktoren benötigt, um ein Signal unter Signalkontrolle bringen zu können. Zudem gibt es immer wieder hormonelle Veränderungen oder Stresssituationen, in denen euer Hund weder das erlernte Verhalten abrufen kann geschweige denn, etwas lernen kann. Du musst jeden Tag betrachten, wo steht dein Hund gerade und was kann ich in seinem heutigen Zustand erwarten.

Abschließend kann ich dir also raten, jede Zeit mit deinem Hund zu genießen, ein gemeinsames Hobby zu finden und auch in der Pubertät weiter zu trainieren. Du darst dich freuen, dass du deinen Hund bereits in der Welpenzeit zu einem guten Begleiter gemacht hast und auf die gut gelegten Grundmauern aufbauen. Ich wünsche dir eine tolle Zeit mit deinem Hund – sei fair ihm gegenüber und helfe/unterstütze ihn, wenn er es gerade selbst nicht leisten kann, dann steht einem tollen Team nichts im Wege!

 

von Tina Bunkofer 10 Apr., 2022

Vor einigen Jahren stand ich mit einem gestressten, frustrierten und jagenden Rhodesian Ridgeback vor der Entscheidung, was ich noch tun kann, um eine gute Mensch-Hund Beziehung zu erhalten. Neben der Veränderung der Trainingsmethoden auf ein positives Training war klar, dass mein Rüde endlich ein Hobby zur Auslastung benötigt. In den vielen Jahren habe ich viele verschiedene Sportarten des Hundesports und Trends ausprobiert. Doch mein Rüde fand immer nur bedingt Interesse daran. Das Beste am Training waren für ihn die Kekse beim Üben, jedoch nicht die Aufgaben selbst.

In vielen Büchern zu unserer Problematik wurde immer zum Dummytraining geraten. Ich war selber nicht sonderlich begeistert, da mich diese Art von Training damals nicht wirklich interessierte. Eines Tages dachte ich, warum muss mein Hund eigentlich immer nur das machen, was mir Spaß macht. Ich entschied mich dazu, das Dummytraining auszuprobieren und nach dem Interesse meines Hundes zu entscheiden, ob es was für uns ist. Und was soll ich sagen, heute bin ich selber im Dummyfieber und kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass es mich früher so gar nicht interessiert hat.

Das Dummytraining besteht aus vielen verschiedenen Faktoren. Zum einen wird ein Grundstein für sämtliche Alltagssignale, einer guten Fußarbeit und Kommunikationssignale für verschiedene Aufgaben gelegt und benötigt. Diese Grundlagen kann ich inzwischen auch in vielen anderen Situationen anwenden. Auf Spaziergängen ,,stoppe“ ich inzwischen meinen Hund sehr häufig über den Pfiff und merke, dass immer weniger Frust entsteht. Ein Rückruf bedeutet für meinen Hund den Abbruch seines aktuellen Bedürfnisses, in ,,Stopp“ nur eine kurze Pause dessen.

Die Grundelemente sind genauso entscheidend im Dummytraining, wie die 3 Kerndisziplinen: Einweisen, Markieren und Suchen.

Einweisen

Das Endergebnis des Einweisens soll sein, dass nur der Mensch weiß, wo das Dummy liegt. Der Hund kann es im besten Fall am Ende nicht mehr sehen, riechen oder die Wurfstelle hören. Beim Einweisen wird dementsprechend die Beziehung, die Kommunikation und das Vertrauen zum Menschen gefördert. Der Hund muss sich darauf verlassen, dass die Signale des Menschen ihn zum Dummy leiten. Über die Signale „lauf geradeaus“, „stoppe“, „laufe rechts“ oder „laufe links“ gibt der Mensch die Koordinaten für das abgelegte Dummy. Kommt der Hund an die Stelle des Dummys, so erhält er mithilfe des Suchen-Pfiffs das Signal: „jetzt bist du nur noch eine kleine Suche entfernt (1-2m)“.

Markieren

Sowohl Mensch wie auch Hund haben gesehen, welche Wurfbahn das Dummy hatte und der Hund merkt sich die Fallstelle und unter Umständen auch noch weitere Fallstellen. Der Mensch schickt den Hund dann nach und nach auf die Fallstellen und bittet den Hund das Dummy zurück zu bringen. Wir schulen neben dem Apportieren des Dummys auch die Konzentrationsfähigkeit und das Gedächtnis und bauen eine Impulskontrolle zu einem fliegenden Objekt auf. Der Hund soll im besten Fall gelernt haben, dass er besonders viel Spaß hat, wenn er die Aufgaben mit seinem Menschen erarbeitet.

Suchen

In der großen Verlorensuche darf der Hund sein Sinnesorgan Nase voll auslasten. In der Suche wissen weder Mensch noch Hund, wo die Dummys liegen. Der Hund sucht über sein eigen erlerntes Suchbild nach und nach alle Dummys und bringt diese zum Menschen. Der Mensch begegnet seinem Hund dabei mit ganz viel Vertrauen und fördert seine Eigenständigkeit und das Selbstvertrauen des Hundes. Für viele Hunde ist dies sowohl körperlich wie auch psychisch eine gute Auslastung.

Du merkst schon, das Dummytraining ist sehr vielseitig und kann für viele Hunde eine gute Auslastung sein. Jeder Hund bringt unterschiedliche Fähigkeiten in dem Training mit. Da dieses Training aus der Jagdarbeit abstammt, ist es natürlich für jagende Hunde besonders gut geeignet und dient hervorragend als Jagdersatztraining. Natürlich verbessert der Hund durch das Training seine Fähigkeiten in den einzelnen Disziplinen, jedoch führt dies nicht zu einer höheren Jagdmotivation. Ganz im Gegenteil, das Dummytraining fördert, dass der Hund gemeinsam mit dir seine Bedürfnisse befriedigt und nicht einfach ins Jagen verfallen muss. Zudem lernt der Hund in sämtlichen Bereichen der Jagdkette eine bessere Impulskontrolle und Steuerung seines Drang in Bezug auf das Jagen.

Wahrscheinlich könnte ich weitere 100 Zeilen oder mehr über das Dummytraining schreiben. Dummytraining ist so viel mehr als nur apportieren und warten, bis der Hund zum Dummy laufen darf. Sämtliche Grundbedürfnisse deines Hundes zur Auslastung der Sinnesorgane können durch ein spannendes Dummytraining erreicht werden und lasten deinen Hund körperlich und psychisch aus. Auch junge Hunde/ Welpen können bereits Einzelbereiche entsprechend des Alters, Lernstatus und körperlicher Entwicklung spielerisch lernen.

Für mich war es damals die beste Entscheidung mal etwas zu tun, woran mein Hund Spaß hat und ich vielleicht nicht. Plötzlich lösten sich das ein oder andere Thema von ganz allein und es war kein großes Training in manchen Bereichen notwendig. Mein Rüde war plötzlich körperlich und psychisch ausgelastet, hatte Spaß und seine Bedürfnisse wurden erfüllt.

Ein schöner Nebeneffekt: Es musste auch kein Blödsinn mehr angestellt werden :-)

von Tina Bunkofer 04 Feb., 2022

Über die richtige Leine und was der Markt inzwischen alles an Leinen verkauft, könnten wir Stunden philosophieren. Neben den unterschiedlichen Materialien, Varianten, mit verschiedenen Ringen oder dekorativen Elementen, gibt es unterschiedliche Leinenlängen.

Was genau ist die Individualdistanz und was bedeutet es für das Mensch-Hund-Teams in Bezug auf die Leinenführigkeit?

In diesem Blogbeitrag möchte ich dir gerne näherbringen, warum du dir mal Gedanken über die Individualdistanz deines Hundes (an der Leine) Gedanken machen solltet.

Jeder Mensch wie auch jeder Hund hat seine persönliche Individualdistanz zu sämtlichen Sozialpartnern/innen. In diesem Beitrag geht es um die Individualdistanz zwischen Mensch und Hund an der Leine. Die Leinenlänge gibt dem Hund eine maximale Individualdistanz (Leinenlänge) zum Menschen während des Spaziergangs vor.

Ein Teil unserer Hunde suchen gerne nahen Kontakt zum Menschen und drücken sich sogar leidenschaftlich gern an die Beine von Frauchen oder Herrchen. Doch diesen nahen Kontakt mögen  viele unserer Hunde ggf. nur Zuhause. Während des Spaziergangs haben Hunde häufig ganz andere Interessen.

Es gibt auch Hunde, die es vorziehen, lieber ein wenig Abstand zum Menschen zu halten und nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, von einer Tasche, Jacke oder der Bewegung des Menschen erschreckt zu werden. Während der täglichen Gassi-Runde befriedigen unsere Hunde ihre Bedürfnisse über Schnüffeln, Stöbern, Laufen, Rennen usw....   Hunde gehen beim Spaziergang sozusagen dem menschlichen Zeitungslesen nach.

Betrachten wir nun eine Leine mit der Länge von 1-1,5 m, haben unsere Hunde kaum die Chance zu entscheiden, was sie am Spaziergang erkunden möchten und auch nicht, in welchen Tempo. In diesen Momenten passiert genau jenes Verhalten, welches wir nicht so gerne an unseren Hunden sehen:

-        die Leine ist gespannt und straff

-        der Hund zieht in eine Richtung

Ein Hund, deren Leinenlänge geringer ist als seine benötigte Individualdistanz wird immer von dir weg ziehen!

In vielen Fällen hätte eine längere Leine diesen Konflikt zwischen Mensch und Hund verhindert. Im besten Fall wäre der Hund kurz an die Schnüffelstelle gegangen und wäre nach einem kurzen Verweilen an dieser Stelle dem Menschen gefolgt. Im noch besseren Fall wäre der Mensch stehen geblieben, hätte kurz gewartet und zugesehen, wie der Hund schnüffelt und beide wären gemeinsam weiter gegangen. Eine längere Leine ersetzt natürlich nicht, dass ein Hund das Einhalten der Leinenlänge an lockerer Leine lernen muss. Die Leinenführigkeit ist ein wichtiger Lernbestandteil für jeden Hund. In allen hessischen Stadtgebieten, öffentlichen Plätzen, Veranstaltungen, zur Setz- und Brutzeit sowie an weiteren gekennzeichneten Orten/Plätzen besteht i.d.R. Leinenpflicht.

Dementsprechend gehört die Leine zu einem Leben mit Hund dazu und ist für einen entspannten gemeinsamen Spaziergang, das Laufen des Hundes an lockerer Leine, elementar. Damit meine ich absolut nicht das Ausführen des Signals ,,Fuß-laufen“, sondern an lockerer Leine mit dem Menschen an Straßen, Stadt, dem Weg zum Feld, Wald und Wiesen unterwegs zu sein.

Sollte dein Hund nicht 100% abrufbar sein oder die gesetzlichen Bestimmungen eine Leinenpflicht aussprechen, so solltest du den Hund im Freizeitbereich (Feld, Wiese, Wald, Spazierweg etc.) an einer Schleppleine von mindestens 10m sichern.

Doch zurück zum Thema Führleine und kleines rechnerisches Beispiel zur Leinenlänge. Ein kleiner Hund mit einer Schulterhöhe von 20 cm ist allein von der menschlichen Hand bis zu einem Meter entfernt. Habe ich nun eine Leine von 1,50 m, so gibt es maximal einen Radius von 1,30m, ohne dass ich die Rückenlänge des Hundes abgezogen habe. Unsere menschliche Schrittlänge beträgt im Durchschnitt 60cm. Ein bis zwei Schritte des Menschen reichen in diesem Beispiel aus, dass der Hund an straffer Leine läuft. Dafür muss der Hund kein eigenes Verhalten gezeigt haben, weswegen die Leine auf Spannung ist, sondern der Mensch ist lediglich zu schnell gelaufen.

Die Leinenlänge bedeutet zudem, dass der Hund direkt an den Füßen oder dem Bein laufen muss. Dies nehmen manche Hunde als durchaus unangenehm wahr. Im Vergleich aus unseren menschlichen Leben nehme ich gerne die Situation, wenn man in einer Stadt durch einen engen Tunnel bzw. eine Unterführung laufen muss und mein Körper dabei die Wand oder eine Hecke streift. Dies empfinde ich ebenfalls als sehr unangenehm. Genauso wie ich es sehr unangenehm empfinde, wenn ich an jedem Schaufenster mit der Hand von meinem Mann weitergezerrt werde und ich nicht mal in Ruhe mir etwas anschauen kann. Genau dieses Verhalten von uns müssen unsere Hunde im Falle einer zu kurzen Führleine immer wieder aushalten – zum einen werden sie durch eine zu kurze Leine recht schnell nach vorne ausgebremst, zum anderen müssen sie immer schnell hinterher, da der Mensch ja weitergeht.

Genau dies ist oft ein Grund dafür, dass der Hund die Leine nicht toll verknüpft und die Leine ganz oft mit Frust verbunden ist (zu Recht!).

Falls dir gerade der Gedanke durch den Kopf schießt ,, ach das ist jetzt aber kompliziert, dann nehme ich lieber eine Rollleine (Flexileine)“, auch davon muss ich euch dringend abraten. Rollleinen sind immer auf Spannung und euer Hund erhält immer Spannung und damit interpretierten Druck über die Leine als Emotion übertragen. Auch dies ist für euren Hund kein entspanntes und bedürnisorientiertes Spazierengehen.  

Nehmt es bitte nicht als Vorwurf oder Kritik war. Auch bei mir ist der Alltag häufig stressig, mein Hund muss sich anpassen und ich habe bereits Weg und Ziel definiert. Doch wir sollten dabei die Bedürfnisse unserer Hunde nicht vergessen und immer wieder überprüfen, ob die Individualdistanz unseres Hundes durch kleine und einfache Veränderungen, wie z.B. eine längere Leine möglich wären. Und am Ende haben Mensch wie Hund einen positiven Effekt und einen entspannteren Spaziergang. Langfristig erhalten wir dadurch eine deutlich bessere Mensch-Hund Beziehung und vor allem eine wunderbare Zeit zusammen.

Probiert es aus und macht das Experiment mit einer längeren Leine. Nehmt euch mal bei einen Spaziergang nur Zeit für die folgenden Punkte:

-        Beobachte mal, in welcher Position um dich herum dein Hund gerne laufen möchte (links, rechts, vor- oder hinter euch?)

-        Gib deinem Hund die Möglichkeit, auch mal 3-5 Meter von dir entfernt zu laufen

-        Dein Hund darf über den Weg entscheiden

-        Wenn dein Hund stehenbleibt, so bleibe auch du mal stehen

-        Beobachte den gesamten Spaziergang die Körpersprache deines Hundes und versuche zu entdecken, wann er sich am wohlsten fühlt

Das wichtige Thema Leine und was die richtige Leinenlänge ist, kann nicht aus dem ,,ff“ beantwortet werden. Jeder Hund ist individuell und unterscheidet sich in seiner Indivdualdistanz zum Menschen an der Leine. Wir empfehlen als Führleine eine Leinenlänge von 2,5m-3m und deinem Hund möglichst häufig dieselbe Leinenlänge zur Verfügung zu stellen (und gerade zum Erlernen des Laufens an lockerer Leine nicht dauernd die Leinenlänge zu verändern). Ich empfehle, im Freizeitbereich eine Schleppleine zu verwenden und auf Rollleinen zu verzichten, solange bis dein Hund gelernt hat, an lockerer Leine zu laufen.

Das alleinige Verändern der Leinenlänge ist die beste Voraussetzung, um mit positiver Verstärkung eine gute Leinenführigkeit zu erlernen und ist eine Grundbedingung in unserem Training.

Einen weiteren Artikel zum Thema Leinenführigkeit und wo dein Hund denn laufen soll, findest du hier:

  Wo soll mein Hund denn laufen - links, rechts, vor oder hinter mir? (fairbindung-mensch-hund.de)


von Maximilian Dechant 07 Jan., 2022
Für ein harmonisches Miteinander von Kind und Hund
von Tina Bunkofer 05 Jan., 2022

Was bedeutet Sozialisierung unter Hunden?

Immer wieder kommt im Hundetraining und bei Kontakt zu Welpenbesitzern die Frage auf nach dem Welpenspiel im Welpenkurs. Seit 30 Jahren ist nun bekannt, dass wildes Toben unter Welpen und vor allem in Großgruppen KEINE Sozialisierung bedeutet. Welpenspielgruppen können sogar eine gute Sozialisierung eures neuen Familienmitgliedes gefährden. Bei der Sozialisation geht es darum, dass ein Welpe/Hund lernt, dass es weitere Artgenossen gibt und wie man diesen Wesen im Leben begegnen kann. Unser Welpe soll lernen, ein positives, angenehmes und sicheres Gesellschaftsverhalten zeigen zu können. Genauer gesagt meine ich damit, dass ein Welpe/ Hund nicht bei Sichtung jeglicher Artgenossen in die Leine rennt, knurrt, bellt, jault usw. Im besten Fall sieht er einen Artgenossen, bleibt ruhig und entspannt und hat keinerlei Erwartungshaltung in die Situation.

 

Mein eigener Hund war als Welpe in einer sogenannten Welpenspielgruppe. Zu dieser Zeit besaß ich leider nicht das Wissen und die Erfahrung von heute. 10 kleine Welpen wurden in einen Kreis mit Blickrichtung aufeinander zum ,,Spielen“ geschickt. Es gab viele Kommentare zu den Verhaltensweisen des Kontakts. Die ängstlicheren oder verunsicherten Welpen mussten durch diese Situation durch und die, die als ,,Mobber“ unterwegs waren, sollten eine klare Ansage des Gegenübers erhalten. Ein absoluter kriegsähnlicher“ Zustand.

In diesen Begegnungen konnte weder ich noch alle anderen Anwesenden in keiner Weise die Körpersprache und Kommunikation der Hunde beobachten. In der Regel gab es ein Haufen Welpen auf einen Fleck und alles lief in Millisekunden ab. Ein vollkommenes Chaos und keinerlei gutes Lernfeld für das soziale Leben.

 

Eine gute Sozialisation beim Welpen entsteht, wenn es möglichst viele positive, ruhige und entspannte Begegnungen mit Artgenossen geben kann und der Welpe die Artgenossen lesen lernen kann. Dabei sollte der Welpe die folgenden Grundbedienungen erhalten:

 

-        Oberste Regel überhaupt: Ein Nahkontakt ist überhaupt nicht nötig und vor allem kein MUSS!

-        Der Welpe hat die Möglichkeit, mit Abstand und in Ruhe die Situation zu analysieren

-        Der Mensch reagiert auf die Kommunikation des Welpen und unterstützt den Welpen bei seinen Entscheidungen

-        Der Welpe darf sich Schutz beim Menschen suchen

-        Der Welpe entscheidet über die Distanz zum Artgenossen und wird nicht verpflichtet am nahen Kontakt teilzuhaben

-        Der Welpe darf jederzeit die Situation verlassen

-        Der Mensch unterbricht den Nahkontakt, wenn der Welpe körpersprachlich ein Unwohlsein ausdrückt

-        Der Welpe hat maximal zu einem weiteren Hund GLEICHZEITIG Nahkontakt, WEIL….

 

Ihr bemerkt schon, es ist viel wichtiger, dass der Welpe auf eine geeignete Distanz Artgenossen kennen lernt, sich langsam hündisch (in Bögen) annähern kann und die Mimik, Körperhaltung, den Geruch und die Bewegungen, sowie die Reaktionen des Gegenübers lesen lernt. Der Welpe erhält über seine Nase viele Informationen über den anderen Hund und kann im Zusammenhang mit der Mimik und Körperhaltung des Artgenossen einen positiven sowie aber auch negativen Kontext abspeichern. Aus diesem Grund ist das Nachschnüffeln, dort, wo der andere Artgenosse vorher war, so wichtig.

 

Wir sind die Gefährten unserer Welpen und begleiten ihn sein ganzes Leben. Wir entscheiden für unsere Hunde, was sie fressen, wo sie sich aufhalten, wo wir spazierengehen und noch vieles mehr. Gerade ein junger Hund benötigt eine definierte Begegnung und viel Schutz. Deswegen geht es nicht, dass wir als wichtigstes Bindeglied zum Hund uns aus der Verantwortung rausziehen. Ich höre so häufig den Spruch „“ Das machen die schon unter sich aus“. Dem kann und will ich nicht zustimmen und dies kann ich heute auch nicht mehr ertragen. Wir sind die Begleiter in allen Lebenssituationen unsere Hunde und stützen unseren Hund, wenn er selbst noch nicht in der Lage ist, eine Situation gut zu überstehen.

Bei allen Grundalltagsaufgaben fallen uns gefühlte 1000 Dinge ein, die wir unserem Welpen mit auf dem Weg geben wollen. Genau diese Grundhaltung sollten wir im Sozialkontakt ebenfalls haben und nicht davon ausgehen, dass sie sich das schon selbst beibringen.

 

Natürlich ist es wichtig, dass Welpen die Welt kennenlernen mit allen vorhandenen Lebewesen - doch bitte mit Maß, Ruhe und keinem voll getakteten Wochenplan. Auch in diesem Fall ist weniger häufig mehr, damit der Welpe die Möglichkeit hat, Erlerntes zu verarbeiten. Denkt daran, dass Hunde ein Leben lang lernen und nicht die ersten Monate bis in die letzte Stunde ausgebucht sein sollten. Die Ruhephase von 20-22 Stunden steht an erster Stelle und ist auch in der Sozialisation elementar.

 

Sozialisierung ist ein Prozess und bedeutet lebenslange Anpassung an die Umwelt. Den Grundstein dafür legst DU!

von Tina Bunkofer 05 Jan., 2022

Die kleine Lernwelt eines Welpen - wie dein Welpe lernen kann, alltagstauglich und entspannt die Welt zu erkunden.


Für die Lebenswelt eines Welpen bist du in der Rolle der Eltern, Sozialpartner, Erzieher und Lehrer und natürlich vieles mehr. Große Herausforderungen im Dschungel der Lernerfahrungen von tausenden unterschiedlichen Übungen und Situationen, die dein Welpe bewerkstelligen soll, stehen an.

Vorab erinnere ich gerne alle Welpenbesitzer daran, dass in der Regel ,, weniger mehr ist“ und unsere Erwartungshaltung an die Welpen häufig zu groß ist. Viele Welpen sind sehr schnell chronisch überfordert und stehen unter Dauerstress. Welpen benötigen für alle Lernbereiche ein gutes Lernklima, Konzentration und Energie, um eine gute Lernerfahrung machen zu können. Alle Situationen benötigen im Nachgang Verarbeitung und Aufbereitung im Gehirn des Welpen. Unsere Alltagssituationen und –Abläufe sind ein täglicher Lernprozess für die Welpen und fordern ihnen bereits eine Menge ab.

 

An vielen Tagen sind Welpen nur durch unseren Tagesablauf und die damit verbundenen Herausforderungen ausgelastet. Die Lernwelt eines Welpen sollte die folgenden Bereiche beinhalten:

 

-        Ruhe und Gelassenheit in allen Lebenssituation (Zuhause, Garten, Außenbereich, ...)

-        Vertrauensaufbau einer harmonischen Mensch-Hund Beziehung

-        Aufbau einer gemeinsamen Kommunikation und Verlässlichkeit des Menschen zum Hund

-        Erwünschtes Verhalten bestätigen, damit der Hund lernt, was richtig ist (vom Menschen erwünscht). Unerwünschtes Verhalten so nett wie

          möglich unterbrechen und ein Alternativverhalten abfragen/trainieren

-        Bedürfnisbefriedigung und Umgang mit der eigenen Frustration erlernen

-        Alltagssituationen, Alltagsabläufe, unterschiedliche Umweltfaktoren, wie Umgebungen, Geräusche, verschiedene Untergründe etc.

-        Allen anderen Sozialpartnern und Lebewesen (egal ob Mensch oder Tier) zu begegnen

 

Wie du siehst, fehlen Signale, wie ,,Sitz“, ,,Platz“, ,,Bleib“ und ,,Fuß“ in meiner Auflistung. Diese Verhaltensschemen sind nicht elementar in der Welpenzeit und sollten nachrangig im Jungehundealter aufgebaut werden. Oftmals verbraucht dies schon zu viel Energie und Aufmerksamkeit, um die wirklich wichtigen Lebenssituationen zu lernen und für das gesamte Leben eines Hundes aufzubauen.

 

Wenn dein Welpe die oben genannten Lernbereiche gut erlernt, dann habt ihr einen guten Grundstein gelegt und eine hervorragende Lernatmosphäre.

 

Die Erkundungsreise des Welpen sollte langsam und sondiert beginnen. Kleine Minuteneinheiten reichen vollkommen aus und dein Welpe sollte davor geschützt werden, nicht ständig und dauerhaft überfordert zu werden. Viele Erfahrungen macht dein Welpe ganz nebenbei und muss durch euch nur durch gutes Management und als vertrauensvoller Sozialpartner unterstützt werden.

Management bedeutet, dass unerwünschtes Verhalten gar nicht erst auftritt und macht einen Großteil der Welpenzeit aus. Ein Welpe, der von Anfang an gelernt hat, bei Begrüßungen alle vier Pfoten auf dem Boden zu lassen, wird i.d.R. später nicht mehr anspringen. Ein Welpe, der gelernt hat, mit einem Hund gut zu kommunizieren und dabei nicht von anderen gestört wird (wenigstens in der ersten Zeit), wird später auch gut kommunizieren können. In einer Hundegruppe, in der 5-10 Welpen gleichzeitig aufeinander losgelassen werden, ist genau dies nicht möglich.

Zudem lernt meist ein Teil der Gruppe, dass Mobben ok ist und ein anderer Teil der Gruppe, dass andere Hunde extrem aufregend oder gar doof sind, sofern die Bezugspersonen ihre Hunde nicht sehr gut im Blick haben und rechtzeitig unterbrechen.

 

In eurer Lernwelt steht in dieser Zeit vor allem im Vordergrund, euren Welpen richtig lesen zu lernen. Die Körpersprache deines Welpen hilft dir, für deinen Welpen eine vertrauensvolle und sichere Lernatmosphäre zu schaffen.

 

Natürlich ist es schön, einen Hund zu haben, der viele Signale kennt und ,,aufs“ Wort hört. Doch dies hat Zeit und es ist in keiner Weise förderlich, alle diese Signale schon in die Welpenzeit aufzubauen.  Denkt daran, dass auch du eine Ausbildung oder Studium absolvieren musstest, um Profi in bestimmten Bereichen zu werden.

Abschließend zusammengefasst steht in der Welpenzeit im Vordergrund, eine gute Beziehung zu dir aufzubauen, dass ihr euch gegenseitig kennenlernt und mit viel Ruhe und Gelassenheit die Welt erkundet. Die Basis dafür ist Vertrauen!


Autorin: Tina Bunkofer

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